ALLEGORESE

Alegórico

(Recop.) Justo Fernández López

 

„Allegorese, hermeneutisches Verfahren, das hinter dem Wortsinn (sensus literalis) eines Textes eine nicht unmittelbar evidente tiefere (philosoph., theolog., moral. usw.) Bedeutung (sensus spiritualis) aufzeigt; ursprüngl. angewandt zur Erhellung dunkler Textstellen oder zur Verteidigung von Texten gegenüber philosoph. oder relig. Einwänden.

Die älteste bekannte Allegorie ist die Homer-Allegorie, die - entstanden aus der Homerkritik der Vorsokratiker - v. a. von der Stoa zur Rechtfertigung Homers gegenüber der Philosophie ausgebildet wurde. In der Spätantike wurde dieses Verfahren von dem hellenist. gebildeten Juden Philon v. Alexandrien auf die Deutung des AT.s übertragen (vgl. die jüd. Auslegung des Hohen Liedes; Mädchen = Israel, Freund = Jahwe); von da aus gelangt die A. in die spätantike Vergil-Deutung (4. Egloge) und durch das Bemühen der christl. Apologetik (Apologie), die Gegner mit eigenen Mittel zu schlagen, auch in die christl. Exegese, die sie zur Lehre vom mehrfachen Schriftsinn ausbaute (Origenes, Cassianus, Hieronymus). Auch Augustin nimmt diese hermeneutische Tradition auf und bezieht das Schema vom doppelten Schriftsinn auf das Verhältnis von Sache (res) und Zeichen (signum) als dem Symbol der wahren Sache, der den Wortlaut transzendierenden Wirklichkeit. Die Allegoresse wurde, vollends aus dem heilsgeschichtlichen Weltverständnis des MA.s heraus, zur Grundlage der mal. Interpretation relig.-philosoph., dichter. u. a. profaner Werke. Durch allegorisierende Moralisierung konnte auch Ovid zum Schulautor werden (Ovide moralisé), ebenso wurden naturkundliche Werke allegorisiert, z. B. der „Physiologus“ (Löwe = Chistus usw.). Allegorese findet sich dann bes. häufig in mystischen Schriften, sie reicht bis ins Barock, die theologische Allegorese bis ins 19. Jh.“

[Günther und Irmgard Schweikle (Hrg.): Metzler Literaturlexikon. Stuttgart, 2. überarb. Aufl.1990, S. 9]

Allegorese

Allegorische Deutung, Unterstellung eines geheimen Sinns unter Schriftwerke, bes. Mythen, die nicht nach dem Wortsinn, sondern nach vorgegebener Sinngrundlage ausgelegt werden. Zuerst vor der Stoa an alten Mythen und Homer, von jüdischen Gelehrten am AT. versucht, bes. geistliche Umdeutung der Liebesdichtung im Hohelied.“

[Gero Wilpert: Sachwörterbuch der Literatur. Stuttgart: Alfred Kröner Verlag, 51969, S. 15]